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Montag, 02.01.2012, 10:01
Nach tagelanger Schwerstarbeit macht die Sonne heute ausnahmsweise auch mal Urlaub und scheint nicht, sehr zu meiner persönlichen Freude. Ein kühler Sturm fetzt übers Land und die Regenwolken hängen sehr tief. Aber es regnet – noch – nicht.
Das ideale Wetter also für einen Kontrollrundgang durch das weite Land unserer Gastgeberin.

Paul in kurzen Hosen, T-Shirt und Turnschuhen ohne Socken, aber mit Fotoapparat, ich in Jeans, hochgeschlossenem Fleecepulli, Turnschuhen mit dicken Socken und Regenschirm. So gegensätzlich, wie wir seit Jahren durch unsere gemeinsame Welt gehen, treten wir auch heute wieder auf.
Wir streifen durch die Landschaft, Emmi stets voraus (schließlich fließt einem Dackel-Spitz-Mischling ja auch ein kleines bisschen Jagdhundblut in den Adern) und treffen auf Fasane und Feldhasen.
Erst als wir in einem kleinen Wäldchen unmittelbar neben der Forststraße eine Rotte Wildschweine bei der Feldarbeit hören, wird mir plötzlich bewusst, in welch unberührter Natur wir uns bewegen. Ich werde schmerzlich daran erinnert, wie feige ich doch bin!
Es tut mir so leid, dass ich Pauls Traum einer Abenteuerreise mit Zelt und Jeep durch abgelegene Regionen ferner Länder nicht erfüllen kann. Ein Urlaub ohne morgendliche warme Dusche hat für mich den Stellenwert eines Straflagers.

Müsste ich unter Moskitonetzen schlafen, morgens vor dem Anziehen meine Kleidung erst ausschütteln um 6- bzw. 8-beinige Übernachtungsgäste zu vertreiben, könnte ich damit unmöglich den Begriff Erholung verbinden. Auch die Notwendigkeit bei jedem Schritt kräftig aufzustampfen, damit die Länglichen Geschuppten die Möglichkeit zur raschen Fluchtergreifung zu haben, fördert nicht die gegenseitige Vertrauensbildung.
Der Gedanke an Speisen, deren Herkunft und Identität nicht lückenlos geklärt werden kann, löst bei mir reflexartig die Wandlung zu einer Bulimiekranken aus.
Mit mir als Gast hätte jeder Häuptling sofort das dringende Bedürfnis, das, jahrelang dem Vermoderungsprozess ausgesetzte Kriegsbeil, wegen Missachtung der gebräuchlichen Stammesriten und Tischsitten spontan auszugraben.
Als vermutlich einziger Mensch der Welt könnte ich an so manchem reich gedeckten Tisch verhungern.
Ich persönlich bin ohnehin der Meinung, dass die Ureinwohner borstige, sich windende Krabbeltierchen nur den Touristen vorsetzen, um ihren Spaß zu haben. Sind sie aber unter sich, verspeisen sie leckeren Zebraschinken auf Kiwischaumspiegel an Lotosblütengemüse.

Nun spazieren wir durch das verwilderte kleine Wäldchen. Die Wildschweine rascheln, grunzen, rumoren und verständigen sich quiekend und ich mache mir fast in die Hose, während Paul immer wieder stehen bleibt, lauscht, kuckt und es ganz toll findet, so nah am Busen der Natur zu sein.
Zu Hause wird er mir erzählen, dass das gar nicht so ungefährlich war, weil vermutlich keines der Tiere einen Nichtangriffspakt mit uns Menschen geschlossen hat, und was da „UNTER UMSTÄNDEN“ hätte passieren können!“

UNTER UMSTÄNDEN - diese zwei Worte, von Paul langsam und mit in Falten gelegter Stirn ausgesprochen, erzeugen bei mir jedes Mal wieder unkontrollierbare Schweißausbrüche.

Um meinen Herzschlag wieder in einen unhörbaren Bereich herunterzufahren, leitet Paul ein gezieltes Ablenkungsmanöver ein und drückt mir eine Fasanenfeder in die Hand. „Schau, was ich gefunden habe.“
Damit wird in meinem Gehirn der Impuls: „Ah, toll, was kann man damit basteln, wo gibt es noch mehr und warum habe ich nicht daran gedacht ein Leinensäckchen mitzunehmen?“ ausgelöst.

Früher nahm ich immer eine Papiertüte zum Verstauen von interessantem Fundmaterial mit. Von eben diesen Papiertüten bin ich vor einigen Jahren abgekommen, als wir Urlaub an der Nordsee machten. Damals verabschiedeten sich die schätzungsweisen 8 Kilo, bei einer unserer ausgedehnten Wattwanderungen gesammelten, feuchten Muscheln mitten in der Hotellobby schlagartig durch den aufgeweichten Boden der Papiertüte. Geräuschvoll klackerte meine sandige Beute auf den spiegelblank geputzten Steinfußboden.
Besondere Originalität erlangte die Szene dadurch, dass wir eigentlich versuchten unsere 8 wattverschmierten barfüssigen Treter ungesehen durch eine ankommende Reisegruppe zu manövrieren.
Hatte ich schon erwähnt, dass ab diesem Tag einige der Hotelangestellten, besonders die für die Bodenpflege verantwortlichen, bei unserem Anblick einen panischen Gesichtsausdruck bekamen, der sich erst nach einem prüfenden Blick auf unsere Füße langsam wieder entspannte?

Die Übergabe der Fasanenfeder zwecks Ablenkung von den Wildschweinen hat spontan meine Steinzeitgene mobilisiert und diese geben mir den Befehl zu sammeln. Auch ohne Leinensäckchen. Denn, wo eine Feder liegt, könnte sich ja der Vogel ganz ausgezogen haben.
Die Suche beginnt und von mir ist in Minutenabständen nur mehr das Hinterteil zu sehen. Der Rest befindet sich in Bodennähe und sortiert die gefundenen Federn.
Die Angst um Leib und Leben ist Vergangenheit, nun kreisen meine Gedanken um die Beute und ihre Verwendbarkeit im täglichen Leben.

Wofür werden Sie sagen, braucht der Mensch massenweise Fasanenfedern?

Ich kann Sie beruhigen, ich weiß es im Moment auch nicht, aber ich bin ganz sicher, dass irgendwann der Tag kommt, an dem ich alle gesammelten Tannenzapfen, Federn, Schneckenhäuser, Muscheln, Knöpfe, Wollreste, Plastiktüten, Fliesenreste, Buntstifte, Schraubverschlüsse, Stoffreste, Glassteine, Perlen, Blumensamen und Tontöpfe dringend brauche.

Natürlich bleibt meine Sammelleidenschaft nicht im Verborgenen. Für manche Objekte brauche ich verbündete Mitsammler. Oder wie ließe sich sonst eine ganze Wand mit Sektkorken bekleben?
Mitsammler sind meist so dankbar über die kostenlose Teilentsorgung ihres Abfalls, dass sie nur schwer wieder zu stoppen sind. Im Gegenteil, sie werden plötzlich selbst sehr kreativ und offerieren mir immer absurdere Sammelobjekte.
Diese uneigennützige Hilfsbereitschaft veranlasste meine Freundin Claudia, die Vielgereiste, die sich ausschließlich für wohlgeformte, durchtrainierte Männerkörper interessiert, unlängst zu folgender Feststellung: „Bald werden dir sämtliche Leute aus der Nachbarschaft ihre prall gefüllten Müllsäcke vorbeibringen und sagen: „Ich habe da was ganz Tolles für dich gesammelt! Alternativ dazu könntest du auch mit der Gemeinde Kontakt aufnehmen und neben die Glas-, Plastik-, Altmetall- und Biotonne noch eine „Sammeltonne für Brigitte“ aufstellen lassen.“ Ist es nicht rührend, wie meine beste Freundin, selbst im Geiste aktiv mitsammelt?

Aus Angst mit eingesammelt zu werden, verzogen sich die Wildschweine in sichere Wühlgebiete, unnötig zu sagen, dass sie dabei nicht leiser vorgingen, als bei ihrem Kommen.
Vermutlich fürchteten sie nach unserem Treffen ein paar Frischlinge weniger zu haben. Hätte ich ihnen vielleicht sagen sollen, dass ich keine Leinensäckchen dabei habe?

Wir verlassen den Wildschweinwald und kommen nach einer Weile an dem kleinen See vorbei, den mein verstorbener Schwager in Ermangelung einer anderen Idee von Geldverschwendung anlegen ließ.
Ihm stand der Sinn danach gelegentlich, d.h. wenn sich die momentane Außentemperatur mit den Umsatzzuwächsen des vergangenen Monats deckten, oder die Farben der blühenden Blumen die gleichen waren, wie die modisch aktuellen Brillenfassungen – ich erwähnte, dass er ein äußerst erfolgreicher Optiker war – zu angeln. Dazu spießte er einen armen, weil in einem Fachgeschäft geborenen, nie einen natürlichen stinkenden Misthaufen durchpflügenden Wurm auf und hängte ihn ins brackige Wasser des Sees.
Weil der Sonntagsfischer dies so selten tat, wussten die Fische nicht, was von ihnen erwartet wurde und bissen nie an. Hatten sie doch in ihrem ganzen Leben noch keinen nach Vanille oder Erdbeeren duftenden Zuchtwurm gesehen.

Paul kann dies nach zahlreichen schmerzhaften Feldversuchen bestätigen. Die blutrünstige Gemeinschaft der Stechmücken hat es aber gefreut. So viel nacktes Fleisch ohne Fell hatten sie schon lange nicht auf dem Speiseplan!
Italienische Stechmücken tarnen sich übrigens, indem sie aussehen, wie Eintagsfliegen. Paul, der Spezialist im Fliegen fischen, hatte die sehr zahlreich an unserer Schlafzimmerdecke Rast machenden Biester mit kundigem Auge sofort als harmlose, wenn auch besonders schöne Vertreter der Gattung Eintagsfliegen spezifiziert.

Diese Diagnose erwies sich als Eigentor mit verzögerter Wirkung. Stechen doch diese Mücken völlig schmerzlos und spritzen ein Mittel in die Haut, das erst ca. 20 Stunden später seine volle Wirkung entfaltet. Bis dahin merkt Mann – sehr zum Ärger desselben stechen mich nämlich keine Mücken – von der Attacke nichts. Dann aber setzt der Juckreiz explosionsartig ein und Paul muss sich hemmungslos, affengleich kratzen, bis aus den unsichtbaren Einstichstellen blutige Flecken werden. Wahrscheinlich auch dank seiner, im Urlaub besonders ungepflegten Fingernägel, verzieren diese Pusteln nun wie großflächige Tattoos Pauls gesamten Körper. Lecker, mein Mann wird immer mehr zum Lustkiller!

Vielleicht hätte er doch öfter Fliegen fischen gehen sollen. Eigentlich sagt er mir oft, dass er mit einem Freund zum fischen geht, weil: „…dich das eh´ nicht interessiert!“
Seltsam, obwohl er das Studium der Beutefliegen sehr intensiv betreibt, kommt er meist spätabends ohne Beute nach hause.

Wir umkreisen den kleinen See und beobachten die Libellen. Sie erinnern mich immer an kleine Hubschrauber, wie sie knapp über dem Wasser dahinjetten, kurz auf einem Stängel des Schilfrohres Halt machen um sich dann sofort wieder im Tiefflug auf Futtersuche zu begeben.
Hier ist die Natur so ungestört, dass sogar Eisvögel zu sehen sind.
Das Wasser ist, wie für viele im Sternzeichen des Krebses geborene, mein liebstes Element, allerdings muss es schön blau sein und einen leichten Chlorgeruch verströmen, damit ich ihm meinen Körper zum Umspülen anvertraue.
Naturgewässer, egal welcher Größe, riechen für meine Nase immer mehr oder weniger nach fetten Karpfen. Als Kinder konnten wir in einem Baggersee schwimmen gehen, weil Urlaub am Meer unerschwinglich war. Österreichs Seen und Teiche sind aber eher kühl und außerdem so trüb, dass man nie ihre Bewohner sehen kann. Nimmt man versehentlich beim Plantschen einen kräftigen Schluck sollte man sich lieber nicht die Frage stellen, wie viele Kleinlebewesen man dadurch zu Waisen gemacht hat.
Sie merken schon, meine Liebe zu undurchsichtigen Naturgewässern ist nicht zwangsläufig proportional zu meiner Körpergröße mitgewachsen.
Nach wie viel Meter menschlichen Verdauungstraktes sterben Kaulquappen eigentlich? Oder schwimmen die in der Kloschüssel, um ein paar Einsichten reicher, einfach weiter?